03.01.2023
Frauen

„Maximal unabhängig am anderen Ende der Welt“

Vier Monate in Japan, als einzige Europäerin im gesamten Verein. Vor ihrem Wechsel nach Frankfurt sammelt Torhüterin Stina Johannes „das Maximum an Erfahrung“ 12.000 Kilometer entfernt von ihrer Heimat.

Begonnen hat alles an einem Dienstagmorgen, als Stina Johannes von ihrem Berater wachgeklingelt wurde. „Er fragte mich: Willst du für vier Monate nach Japan? Da habe ich erst einmal losgelacht“, erinnert sich die Torhüterin zurück. Der Vorschlag sei wie aus dem Nichts gekommen. Was zunächst wie ein Scherz klang, endete allerdings darin, dass Johannes nur einige Wochen später im Flugzeug saß.

Es war im Februar 2022. Die Gespräche mit der Eintracht waren schon gelaufen, der Wechsel der 22-Jährigen im Sommer von der SGS Essen an den Main fest, als plötzlich für die verbleibenden Monate eine ganz neue Option auf die gebürtige Hannoveranerin zukam. Der japanische Tabellenführer INAC Kōbe Leonessa suchte eine Torhüterin für die Rückrunde. Stina Johannes begann, mehr und mehr Gefallen an der Idee zu finden, aus den verbleibenden Monaten noch einmal das Maximum an Erfahrung herauszuholen. Nach kurzer Überlegung rief sie Eintracht-Trainer Niko Arnautis und DFB-Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg an: „Martina war Feuer und Flamme und Niko hat mich bekräftigt, den Schritt nach Japan zu wagen“, erzählt die Torfrau. Die Entscheidung musste schnell her, ein Tag später schloss das japanische Transferfenster. „Einmal auf der anderen Seite der Welt leben und auf eigenen Beinen stehen – das war eine Chance, die ich wahrnehmen wollte. Außerdem gab es kein Risiko.“

Im April ging die Reise rund 12.000 Kilometer in Richtung Osten in die japanische Großstadt Kobe schließlich los. „Ich war aufgeregt, alles ging total schnell und es waren sehr viele Einflüsse auf einmal“, erinnert sich Johannes an ihre ersten Momente in Ostasien. Neues Land, neue Sprache, neue Kultur. Doch nicht nur für sie, auch für ihre Mitspielerinnen war ihr Ankommen durchaus etwas Besonderes. „Ich war nicht nur die einzige Europäerin im Team, ich war im gesamten Verein die einzige Nicht-Japanerin“, erzählt Johannes und ergänzt mit einem Lachen: „Mit meinen blonden Haaren und der hellen Haut wurde ich natürlich entsprechend angeschaut.“

 

Ich war nicht nur die einzige Europäerin im Team, ich war im gesamten Verein die einzige Nicht-Japanerin.

Stina Johannes

Mit Google Translator durch Japan

Auch sprachlich sei es gar nicht so einfach gewesen, sich zurechtzufinden. Von ihren Mitspielerinnen habe nämlich niemand Englisch gesprochen. „In meiner ersten Woche habe ich mir von den Mädels die wichtigsten Kommandos übersetzen lassen, um mich auf dem Feld einigermaßen verständigen zu können.“ So habe es zumindest für die Basics gereicht – den Rest erledigte Google Translator. „Das hat alles nochmal intensiver und auch anstrengender gemacht. Man fühlt sich manchmal ein wenig außen vor, aber die Mädels waren sehr herzlich, der gesamte Verein hat sich sehr viel Mühe gegeben, damit ich mich wohlfühle.“ Dazu beigetragen, dass sie sich nicht allein gefühlt habe, habe auch Cindy König. Die aktuelle Spielerin des SC Sand, 2015 als Torschützenkönigin der Zweiten Bundesliga Nord mit Werder Bremen in die Bundesliga aufgestiegen, spielte ebenfalls zu der Zeit bei einem japanischen Erstligisten. „Wir kannten uns vorher nicht, haben uns aber auf Anhieb super verstanden und sind viel zusammen gereist.“ Meist ging es an den freien Tagen in die nächstgrößere Stadt Osaka, „in der letzten Woche sind wir nochmal quer durchs Land gereist und waren unter anderem in Tokio, Kyoto und Yokohama. Das war sehr beeindruckend.“ Fast genau die Stationen also, die kürzlich die Männer bei ihrer Japan Tour ebenso bereisten.

Auch sportlich habe sie einige Unterschiede zu Deutschland festgestellt. „Technisch waren alle auf einem sehr hohen Niveau. Es waren viele wuselige, dribbelstarke Spielerinnen. Nur athletisch war es doch ein großer Unterschied zu den europäischen Ligen.“ Der Verein sei ähnlich aufgebaut gewesen wie in Deutschland: Trainer, Torwarttrainer, Physiotherapeuten. Trainiert wurde täglich zwei Stunden lang. Was die junge Torhüterin auch aus der Heimat bereits kannte, war, dass sie verletzungsbedingt ausgebremst wurde. Letztlich konnte Stina Johannes nur im allerletzten Saisonspiel tatsächlich in einem Ligaspiel zwischen den Pfosten stehen. Trotzdem zieht sie ein sehr positives Fazit aus ihrer Zeit in Japan. „Was mich am meisten geprägt hat, ist, dass ich es geschafft habe, am anderen Ende der Welt allein zurechtzukommen und maximal unabhängig zu sein. Ich habe meine Komfortzone absolut verlassen – das hat mich menschlich sehr geprägt und vorangebracht.“

Zurück im Kreise der Nationalmannschaft

Zurück im Kreise der Nationalmannschaft

Dabei stand Johannes schon recht früh auf eigenen Beinen. Mit 16 Jahren zog sie ins Sportinternat nach Jena, gab dort auch ihr Erstligadebüt und nutzte zwei Jahre darauf in Essen, wo sie auf die damalige Nationalspielerin Lisa Weiß folgte, ihre Chance, zur Bundesligaspielerin heranzuwachsen. Parallel durchlief sie alle Jugendteams des DFB – zumindest, bevor sie gleich zweifach ausgebremst wurde. 2018 war es ein Schien- und Wadenbeinbruch, 2021 zwangen sie Rückenprobleme, für die man lange nach der richtigen Behandlung suchte, kürzerzutreten. Als sie wieder fit war, folgte der nächste große Schritt mit dem Wechsel zur Eintracht im Sommer 2022. Auch hier verpasste sie aufgrund von Rückenschmerzen unter anderem das Champions-League-Miniturnier in Dänemark, konnte aber pünktlich zum Bundesligasaisonstart endlich durchstarten.

„Es war nicht selbstverständlich, dass ich direkt das Vertrauen des Trainerteams bekommen habe. Auch im Team hatte ich sofort das Gefühl, von den Mädels super unterstützt zu werden.“ Druck, in die Fußstapfen von Nationaltorhüterin Merle Frohms zu treten, mache sie sich keinen. „Klar werde ich unterbewusst immer mal mit ihr vergleichen. Aber ich bin mit meinen Gedanken bei dem, was ich beeinflussen kann: Und das ist meine Leistung.“ Honoriert wurde das im September prompt mit einer Einladung zur A-Nationalmannschaft, der ersten nach rund anderthalb Jahren. „Ich habe mich total gefreut. Das zeigt, dass ich weiterhin auf dem Zettel bin.“ Doch auch da stelle sie keine allzu hohen Erwartungen an sich. „Deutschland hat viele gute Torhüterinnen. Deshalb bin ich einfach froh, dass ich aktuell fit bin und spielen kann. Das Wichtigste ist für mich die Eintracht, die Nationalmannschaft sehe ich als Bonus.“

Meine Freunde interessiert es nicht, ob ich Bundesliga oder Kreisklasse spiele.

Stina Johannes

Analytisches Denken hilft Johannes

Trotzdem genießt es die 22-Jährige, abseits des Platzes den Kopf auch mal komplett frei vom Sport zu bekommen. In ihrem Studium zum Beispiel, in dem ihr nur noch wenige Prüfungen bis zum Bachelor-Abschluss in Mathematik fehlen. Grübeln und Knobeln sei schon immer ihr Ding gewesen, verrät Johannes. „Mathe ist auf einer ganz anderen Ebene herausfordernd. Ich mag es, mich zu challengen und zu schauen, was möglich ist, auch wenn ich zugeben muss, dass es unfassbar anspruchsvoll ist.“ Das Gelernte helfe ihr aber durchaus auch auf dem Platz: „Analytisches Denken kann ich auch im Sport anwenden, zum Beispiel bei Bewegungsabläufen und Taktik.“ Oft sei sie aber froh, mit dem Studium in einem ganz anderen Umfeld zu sein. „Als Spielerin ist man den ganzen Tag auf Fußball getrimmt. Da tut es gut, wenn man in der Uni oder in der Familie Leute um sich hat, die nicht mal wissen, was Abseits ist.“ So sehr sie den Sport auch liebe, sei sie froh, unter Freunden eben nicht nur die Fußballspielerin zu sein und sagen zu können: „Meine Freunde interessiert es nicht, ob ich Bundesliga oder Kreisklasse spiele.“

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