27.06.2021
Frauen Profis

„Jahr für Jahr entwickeln“

Im zweiten Teil des großen Saisonfazits wagt Niko Arnautis auch einen Blick in die Zukunft, erklärt die Philosophie der Eintracht Frauen und zieht Vergleiche mit den Männern.

Niko Arnautis sieht sich nach einem Jahr unter dem Adlerdach in der gemeinsamen Marschroute bestätigt.

Niko, nach deinem Engagement am Riederwald bist du zu den Frauen gegangen, hast zuerst die U17 des 1. FFC Frankfurt trainiert und danach die zweite Mannschaft. Seit vier Jahren bist du Cheftrainer der ersten Mannschaft. Wo liegen die Unterschiede zwischen deinen einzelnen Stationen, zwischen den Männern und Frauen?
Vom Inhalt her weniger. Was die Analysen angeht, macht man genau das Gleiche. Unterschiede gibt es mit Sicherheit vom Wesen her. Die Frauen setzen sich selbst sehr unter Druck und möchten immer alles richtig machen. Bei den Jungs ist das nicht ganz so stark ausgeprägt. Ich sage immer zum Spaß: Wenn ein Junge fünf schlechte und eine gute Aktion auf dem Platz bringt, geht er danach zum Trainer und fragt: „Hast du gesehen, wie gut ich war?“ Bei den Frauen ist das genau umgekehrt. Wenn man dort eine Aktion lobt, bekommt man als Antwort: „Ja, aber die andere Aktion war nicht gut.“ Das passt genau zu meiner Einstellung. Man muss ein Gefühl entwickeln in der Mannschaftsführung, was die Mädels und was die Jungs brauchen. Aber auch innerhalb einer Mannschaft gibt es immer verschiedene Charaktere. Da braucht man Erfahrung, um damit gut umzugehen. Ich glaube, die Unterschiede sind gar nicht so groß, wie man vielleicht denken würde.

Man sagt ja immer, Frauen und Mädels sind an sich weiter in ihrer Entwicklung, besonders auch in jungen Jahren. Jungs brauchen dann immer etwas länger, bis sie dann vor allem geistig so weit sind. Ist das physisch auch so? Es ist zu beobachten, dass eine 16- oder 17-Jährige eher den Sprung in die Bundesliga schafft, als ein 16- oder 17-Jähriger bei den Männern.
Ja. Man kann ganz klar beobachten, dass die Topspielerinnen, die vielleicht auch die Jugendnationalmannschaft durchlaufen, sehr schnell oben ankommen können. Im Männerfußball passiert das nicht so schnell, das sind absolute Ausnahmen. Im Frauenfußball gibt es keine U19. Trotzdem machen auch die Mädels noch verschiedene Phasen durch. Sie sind dann mit 17 nicht voll ausgereift. Auch wenn sie den Sprung vielleicht etwas früher schaffen, müssen sie sich am Ende genauso behaupten.

Früher war der FFC eher ein Sammelbecken für Stars, jetzt seid ihr gerade eher ein Ausbildungsverein und entwickelt viele Nationalspielerinnen selbst. Wie beurteilst du die veränderte Situation?
Als ich die erste Mannschaft übernommen habe, haben Siggi Dietrich und ich analysiert, was wir eigentlich wollen. Uns war schnell klar, dass wir eine Mannschaft aufbauen möchten, die das Potential hat, oben anzukommen. Diesen Weg sind wir mit den Mädels zusammen angegangen und haben eine sehr junge Mannschaft zusammengestellt. Wir haben auf Laura Freigang, Sophia Kleinherne, Tanja Pawollek – die uns nach ihrem Kreuzbandriss im Pokalfinale als Spielerin, aber auch Kapitänin leider fehlen wird – und viele mehr gesetzt. Das heißt, dass sie sich bei uns entwickeln konnten. Wir haben den Mädels großes Vertrauen geschenkt. Umso mehr freut es uns und macht uns stolz, dass wir diesen Weg gemeinsam gehen konnten und immer noch gehen dürfen.

Acht Mädels aus meiner Schule spielen in der Bundesliga.

Cheftrainer Niko Arnautis

Zeigt dieser Erfolg, dass die Herangehensweise die richtige war?
Ja, wir haben auf die richtigen Spielerinnen und die richtige Philosophie gesetzt. Drei unserer vier deutschen Nationalspielerinnen haben wir selbst mitausgebildet, auch wenn sie schon in der Jugendnationalmannschaft ein paar Spiele hatten. Wir wollen aber kein reiner Ausbildungsverein sein, sondern mit unseren Mädels Jahr für Jahr die nächsten Schritte gehen. Darüber hinaus haben wir jetzt auch Camilla Küver, die mit ihren 18 Jahren eine super Entwicklung nimmt. Sie ist auch seit der fünften Klasse bei mir auf der Schule. Insgesamt habe ich sogar acht Mädels aus der Schule, die bei uns in der Ersten Liga spielen! Generell würde ich sagen, dass das eine das andere nicht ausschließt. Wir wollen natürlich weiterhin Spielerinnen ausbilden, im besten Fall bis hin zur Nationalmannschaft, aber gleichzeitig auch die Spielerinnen, die eine wichtige Rolle spielen, in Frankfurt halten. Dafür müssen wir uns Jahr für Jahr entwickeln. Das ist die spannende Aufgabe für die kommenden Jahre, aber wir sind sehr zuversichtlich und optimistisch.

Die Champions League wird immer attraktiver, auch in finanzieller Sicht. Ist das auch euer Ziel, sich dafür zu qualifizieren, um dann auch finanziell in andere Sphären vorzudringen?
Es ist kein Geheimnis, dass wir, die im Sport arbeiten, auch immer den maximalen Erfolg anstreben. Natürlich ist unser Ziel, dass wir uns im Idealfall ähnlich wie Hoffenheim dahin entwickeln, dass wir um diesen dritten Champions League-Platz spielen. Dafür tun wir jeden Tag alles, brauchen aber auch den Kader, die Infrastruktur und optimale Bedingungen, mit denen wir täglich arbeiten können. Das versuchen wir nach und nach zu entwickeln.

Was muss denn in der kommenden Saison noch besser werden, um top vorbereitet zu sein – auch im Hinblick auf die Infrastruktur?
Wir brauchen insgesamt professionelle Trainingsbedingungen und optimale Räumlichkeiten, in denen wir auch Kraft- und Stabilisationsübungen umsetzen können. Das Wichtigste ist ein sehr guter Trainingsplatz. Unser Stadion am Brentanobad ist herausragend. Aber wenn wir die Möglichkeit haben, im Deutsche Bank Park zu spielen, ist das ein herausragendes Ereignis. Wenn ich mir das dann noch mit Zuschauern vorstelle, die irgendwann wieder vor Ort unterstützen können, dann wird eine Initialzündung kommen. Die Mädels verdienen es und würden sich auch riesig freuen, wenn uns irgendwann sehr viele Eintracht-Fans unterstützen. Ich bin mir sicher, dass sie das tun werden, weil bei Eintracht Frankfurt keine Rolle spielt, ob es um Männer- oder Frauenfußball geht. Wir sind ein Teil von Eintracht Frankfurt und ich glaube, dass uns in Köln auch sehr viele Eintracht-Anhänger angefeuert hätten. Wer weiß, das hätte uns die fehlenden Prozentpunkte zum Sieg geben können.

Niko Arnautis im Podcast

Wer noch mehr über und von Niko Arnautis erfahren möchte, dem sei der Podcast „Eintracht vom Main“ ans Herz gelegt. Hier gibt’s bereits 22 Folgen, in Episode 19 ist der Cheftrainer der Eintracht Frankfurt Frauen zu Gast.

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